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Über Herausforderungen, die Gewerkschaften heute meistern müssen - Ein Interview

Im Interview der Geschäftsführer der DGB-Region Südwestfalen, Ingo Degenhardt und ver.di-Geschäftsführer im Bezirk Südwestfalen, Jürgen Weiskirch. DGB (ver.di) Ingo Degenhardt und Jürgen Weiskirch


Die Globalisierung in der Wirtschaft, die Aufspaltung von Unternehmen in kleinere Einheiten, der Rückzug vieler Arbeitgeber aus dem Tarif erschweren den Arbeitnehmervertretern die Organisationsarbeit. Welche Herausforderungen die Gewerkschaften heute meistern müssen, erläutern im Interview der Geschäftsführer der DGB-Region Südwestfalen, Ingo Degenhardt und ver.di-Geschäftsführer im Bezirk Südwestfalen, Jürgen Weiskirch.



Vor welchen Herausforderungen stehen die Gewerkschaften heute?

Ingo Degenhardt: Obwohl viele Menschen vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren, öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter. Soziale Abstiegsängste und Zukunftssorgen mit Blick auf die eigene Situation, die Perspektive für die eigenen Kinder und nachfolgende Generationen sind spürbar. Rechtspopulisten mit ihren fremdenfeindlichen und rassistischen Parolen werden „gesellschaftsfähig“. In unserer so offenen Gesellschaft scheint der soziale Zusammenhalt zu bröckeln. Zudem ist es auffällig, dass die Emotionalisierung von Problemen in der heutigen Zeit stark zugenommen hat. Dagegen haben die klassischen sozialen Kontroversen wie Berufskonflikte, Verteilungs- und Teilhabekonflikte, in die unsere Gewerkschaften eingebunden sind, an öffentlichem Interesse verloren. Gleichzeitig bekommen Themen wie Migration, Ökologie und Identitätsfragen enorme Aufmerksamkeit. In Zeiten von tiefgreifenden Umbrüchen in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft ist unsere zentrale gewerkschaftliche Herausforderung, die Zukunft sozial gerecht, wirtschaftlich vernünftig und im Interesse der Beschäftigten zu gestalten.

Jürgen Weiskirch: Neben diesen Veränderungen sind wir damit konfrontiert, dass nicht nur unsere Themenfelder komplexer geworden sind, sondern auch die Erwartungshaltung an die Gewerkschaften gestiegen ist. Verstärkend hinzu kommt, dass durch die sozialen Netzwerke, die teilweise auch für Fehlinformationen und verbale Attacken benutzt werden, eine hohe Anspruchshaltung aufkommt, die umgehend erfüllt werden soll, die aber zum einen nicht gerechtfertigt ist und der wir zum anderen auch nicht gerecht werden können. Das sorgt dafür, dass die Gruppe derer, die die Gewerkschaften tragen, kleiner geworden ist.

 

Welche Bedeutung haben aktive Mitglieder für die Gewerkschaften?

Jürgen Weiskirch: Unsere aktiven Mitglieder sind überaus wichtig für uns. Sie haben ihr Leben ein Stück weit auf unsere Organisation ausgerichtet und bringen sich verlässlich ein. Sie geben durch eigenes Tun für andere Beispiel und nehmen Vorbildfunktion ein. Das ist ein hohes Gut!



Welche Faktoren sind für die Mitgliederpolitik in der Gewerkschaft wichtig?

Jürgen Weiskirch: Unsere wichtigste Errungenschaft sind sicherlich unsere Tarifverträge. Davon können alle profitieren – und das sogar ohne, dass sie selbst Gewerkschaftsmitglied sein müssen. Das trägt natürlich zu einer Trittbrettfahrer-Mentalität bei, auf die die Gewerkschaften reagiert haben, in dem sie weitere Leistungen anbieten, beispielsweise den Rechtsschutz, die Lohnsteuerhilfe oder Entscheidungs- und Beteiligungsmöglichkeiten in den gewerkschaftlichen Gremien. Unsere Angebote dienen damit als Bindeglied, das für den einzelnen eher greifbar ist.

Ingo Degenhardt: Im Zeitalter des Internets und der Konkurrenz zwischen verschiedenen Organisationen gehen Mitglieder häufig keine lebenslangen, sondern eher leistungsorientierte oder situationsbedingte Mitgliedschaften ein. Oft fällt der Entschluss für den Eintritt in eine Gewerkschaft erst, wenn die Konflikte sich schon so zugespitzt haben, dass eine Rechtsberatung in Anspruch genommen werden muss. Gewerkschaften haben stets die solidarische und soziale Note hervorgehoben. Sie wandeln sich so zu Leistungsorganisationen. Das stellt eine gewaltige Veränderung dar. Es gibt sieben gute Gründe, Mitglied in einer DGB-Gewerkschaft zu sein: Rechtsschutz, tarifliche Leistungen, Unterstützung bei Tarifkonflikten, Qualifizierung und Weiterbildung, Freizeit-Unfallversicherung, Beratung und Information sowie die politische Arbeit.

 

Was ist wichtig, wenn Gewerkschaften Mitglieder einbinden und halten wollen? Wie gelang das bisher?

Ingo Degenhardt: Für viele war die Gewerkschaftsmitgliedschaft das Ergebnis ihrer Verhältnisse, also ein bestimmtes Umfeld in das man hineingeboren wurde. Die Eltern, Verwandte und Freunde waren Mitglied, die anderen Vereine und Gruppen, denen man angehörte, wirkten ähnlich und auch die Wohngegend spielte eine Rolle. Zentral war für die Gewerkschaften die gewerkschaftsfreundliche Rolle der Betriebs- und Personalräte. Sie motivierten die Beschäftigten, Gewerkschaftsmitglied zu werden. Das stärkte auch ihre eigene innerbetriebliche Rolle. Denn kluge Betriebs- und Personalräte machen den Beschäftigten deutlich, dass eine Mitgliedschaft die eigene Position vor dem Arbeitgeber stärkt, weil ein hoher Mitgliederstand Druck gegenüber dem Arbeitgeber aufbaut. Auf der anderen Seite konnte man durch gute Tarifergebnisse und Streiks sowie durch die Rolle der Selbstverwaltung in den Sozialversicherungen die eigene Nützlichkeit herausstellen. Gewerkschaftsmitglieder sind Teil einer Bewegung, die etwas erreicht, etwas leistet und Aufmerksamkeit auf sich zieht. Im Zusammenspiel dieser Faktoren, wie Bindung durch das soziale Umfeld, die Rolle der betrieblichen Interessenvertretungen, Tarifbewegungen und Streiks wurden Mitglieder gewonnen. Eine spezielle Mitgliederpolitik, die auf aktive und systematische Ansprache setzte, fehlte.

Jürgen Weiskirch: Es ist zwar nicht so, dass die Menschen gewerkschaftliche Organisationen nicht mehr brauchen, doch können die Gewerkschaften mit einer langfristigen Unterstützung häufig nicht mehr rechnen. Sie setzen daher inzwischen mehr auf projektbezogenes Engagement und eine entsprechende Ansprache potenzieller Mitglieder. Gewerkschaften werden immer mehr an ihrer Leistungsfähigkeit gemessen. Zudem steigt die Zahl der Organisationen und mit dem Wettstreit um die Mitglieder wird auch die Konkurrenz zwischen ihnen größer. Dinge wie Tradition und Gemeinschaftlichkeit können dabei verloren gehen.

 

Wie können Organisationen ihre Mitgliederentwicklung angehen?

Ingo Degenhardt: Unsere Aufgabe ist es den Menschen wieder zu vermitteln, was unsere Gewerkschaftsbewegung ausmacht und welche Erfolge wir erzielt haben. Wir organisieren Solidarität und schaffen Räume zur aktiven Beteiligung. Was uns Gewerkschaften als Mitgliederorganisation handlungsfähig und durchsetzungsstark macht, ist die demokratische Beteiligung Vieler. Kollektive Stärke und wirksame Gegenmacht gegenüber Arbeitgeber- und Kapitalinteressen entfalten sich erst dann, wenn sich die Beschäftigten in Gewerkschaften zusammenschließen. Und damit sind wir auch in der Lage, gegenüber der Politik die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wirksam zu vertreten und die politische Meinungsführerschaft zu übernehmen, um die rasanten Umbrüche in unserer Arbeitswelt und Gesellschaft wirksam mitzugestalten. Erfolgreich sind wir nur gemeinsam.

Jürgen Weiskirch: Mitgliederentwicklung ist kein Selbstläufer. Wir brauchen dazu eine spezifische Aufstellung, die sich nicht nur auf die Betriebs- und Personalräte verlässt, sondern mit eigenen Akteuren, die durch ihre Kompetenz in der Lage sind, Menschen anzusprechen, ihre Situation zu verstehen und zu analysieren. Universell übertragbar ist die Frage nach den Bedingungen unter denen potenzielle Mitglieder leben und arbeiten. Und dann muss jede Organisation schließlich schauen, was sie im Rahmen ihrer finanziellen und ihrer haupt- und ehrenamtlichen Strukturen verankern kann. Diese Form der Mitgliedererschließung kann aber nicht die alleinige Lösung für die Fortentwicklung der Gewerkschaften sein. Dieser Weg kann ja nur das widerspiegeln, was eine Organisation insgesamt an Leistungsfähigkeit, an Attraktivität, an Image und an Ausstrahlung besitzt.

 

Wie kann Mitgliederpolitik gelingen?

Ingo Degenhardt: Organisationen müssen die Interessen von potenziellen Mitgliedern ernstnehmen. Im Zentrum sollte die Aktivierung der Mitglieder stehen. Auch sie haben ein Interesse daran, Probleme zu lösen und Teil der Organisation zu sein. Neben ihren individuellen Interessen sind die Mitglieder auch an stabilen Rahmenbedingungen interessiert und sie sind bereit, diese durch Selbstorganisation zu erbringen. Ein Instrument in der Mitgliederpolitik kann der DGB-Zukunftsdialog sein. Mit dieser Initiative haben der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften im Jahr 2018 eine flächendeckende Debatte darüber initiiert, welche Erwartungen die Menschen an „Gute Arbeit“ der Zukunft haben und welche Bedingungen aus ihrer Sicht vor Ort erfüllt sein müssen, damit sie ein selbstbestimmtes und sicheres Leben führen können. An diesem Prozess können sich Mitglieder wie Nichtmitglieder aktiv einbringen und sich beteiligen.

Jürgen Weiskirch: Gebraucht werden auch Hauptamtliche, die ein souveränes und selbstbewusstes Verhältnis zur Organisation und ihren Zielen haben und die in der Lage sind, Defizite zu erkennen und mit den gewerkschaftseigenen Potenzialen anzugehen. Und ganz wichtig: gebraucht werden starke Ehrenamtliche, die die Sache der Gewerkschaft zu der ihren machen.